Rückblick: Fachtag „Echte Nähe? KI, Gefühle und parasoziale Beziehungen in der Arbeit mit jungen Menschen“

Am 16. April 2026 lud die Aktion Kinder- und Jugendschutz Brandenburg e.V. gemeinsam mit dem Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) zum Fachtag ein. Fachkräfte aus Jugendarbeit, Schulsozialarbeit und anderen Bereichen der Jugendhilfe kamen zusammen, um sich mit einer zentralen Frage auseinanderzusetzen: Wie verändern sich Beziehungen in einer digital vernetzten Welt – und was bedeutet das für die Arbeit mit jungen Menschen?

Arbeit mit jungen Menschen ist Beziehungsarbeit. Doch zwischen TikTok, Chatbots und Influencer:innen entstehen neue Formen von Nähe und Zugehörigkeit, deren Qualität und Folgen häufig noch wenig reflektiert werden. Genau hier setzte der Fachtag an.

Parasoziale Beziehungen – Nähe per Klick?

Dr. Zoe Olbermann, Kommunikationswissenschaftlerin und Expertin für persuasive Kommunikation, eröffnete den Vormittag mit einem fundierten Einblick in das Konzept der parasozialen Beziehung. Sie beschrieb die parasoziale Beziehung als langfristige, situationsübergreifende Bindung eines Rezipienten an einen Mediencharakter – eine Bindung, die sich über einzelne Nutzungsmomente hinaus aufbaut und verstetigt.

Das Besondere daran: Diese Beziehung fühlt sich wechselseitig an, obwohl sie es objektiv nicht ist. Für Kinder und Jugendliche – aber auch für Erwachsene – kann das bedeuten, eine Figur oder Person wirklich gut zu kennen und gleichzeitig das Gefühl zu haben, dass auch diese einen ein Stück weit kennt. Meistens sind solche Beziehungen freundlich, manchmal bewundernd oder romantisch gefärbt, manchmal aber auch kritisch oder feindlich. Entscheidend ist: Sie sind emotional bedeutsam, auch wenn sie einseitig bleiben.

Parasoziale Beziehungen entstehen nicht zufällig, sondern durch das Zusammenspiel von drei Faktoren: dem Rezipienten selbst, dem Mediencharakter und dem Medium (wie TikTok, Insta etc.). Influencer:innen bringen dabei besonders günstige Voraussetzungen mit – sie wirken nahbar, authentisch und persönlich und gewähren tiefe Einblicke in ihren Alltag. Diese Offenheit schafft eine starke emotionale Anschlussfähigkeit. Die Folge: Parasoziale Beziehungen entstehen heute schneller und werden stabiler als in klassischen Medienformaten – und sind damit auch schwerer zu durchschauen.

Fachkräfte als Akteur:innen in der digitalen Transformation

Im zweiten Fachbeitrag gab Prof. Dr. Jule Korte, Professorin für Kultur- und Medienpädagogik an der IU Internationalen Hochschule, Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Bereich der digitalen, kulturellen Kinder- und Jugendbildung. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Haltungen Fachkräfte gegenüber digitalen Medien einnehmen – und was das für ihre Rolle in der Begleitung junger Menschen bedeutet.

In ihrer Studie identifizierte Korte fünf Haltungstypen: Am häufigsten vertreten war eine pragmatisch-instrumentelle Haltung – digitale Medien werden zweckorientiert genutzt, als Mittel zum Zweck, nicht als eigenständiger Bildungsgegenstand. Daneben zeigte sich eine klar-abgrenzende Haltung, bei der das Digitale gegenüber analogen Räumen nachgeordnet bleibt. Fachkräfte mit einer integrativen Haltung beziehen digitale Medien ein, ohne ihr pädagogisches Selbstverständnis grundlegend zu verändern. Seltener, aber bedeutsam eine transformative Haltung: Hier werden digitale und kulturelle Bildung als ineinandergreifend verstanden – das Digitale verändert das Verständnis von Kultur, Kreativität und Subjekt selbst. Schließlich identifizierte Korte auch eine feindlich-bedrohliche Haltung, bei der digitale Medien als explizite Gefahr für Kunst und Kreativität wahrgenommen werden.

Diese Befunde machen deutlich: Eine zukunftsorientierte Fachkräfteentwicklung muss nicht nur Kompetenzen, sondern auch Haltungen in den Blick nehmen.

Workshops und künstlerischer Impuls

Der Nachmittag bot vielfältige Gelegenheit zur praktischen Vertiefung in fünf parallelen Workshops: von digitalem Beziehungsaufbau in der Jugend(sozial)arbeit über den Blick auf KI-Influencer und virtuelle Freundschaften bis hin zu geschlechterreflektierten Perspektiven auf Parasozialität, dem Zusammenhang von parasozialen Beziehungen und Radikalisierung sowie dem Einsatz von KI in der Schulsozialarbeit. Ergänzt wurde das Programm durch die Audio-Installation „Ich hör dir zu – Eine Soundcollage zur digitalen Nähe Jugendlicher“, die zum Innehalten und Nachspüren einlud.

Fazit

Der Fachtag hat gezeigt: Parasozialität ist weder ein neues noch ein Randphänomen, sondern ein alltäglicher Teil jugendlicher Lebenswelten. Für eine zukunftsorientierte Arbeit mit jungen Menschen braucht es Fachkräfte, die diese Realitäten kennen, einordnen und in ihrer Begleitung aufgreifen können – ohne dabei vorschnell zu urteilen. Die Moderatorin Sophie Reimers gab allen Teilnehmenden einen simplen Tipp mit in den Arbeitsalltag „Einfach mal fragen, was im Chat oder auf TikTok so los war.“ Simple Tür- und Angelfragen dienen als kleine Türöffner, um mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Wir danken allen Referierenden, Workshop-Leitenden und Teilnehmenden für einen lebendigen und erkenntnisreichen Tag.